Geschichte und Zukunft der RBC

Dipl.-Bibl. Anita Michalak M.A.

Slavisches Seminar der Universität Zürich

Russkaja biblioteka v Cjuriche 1927-2003: von einer Emigrantenbibliothek zur kulturhistorisch wertvollen Sondersammlung

Frau Dr. Ella Studer (in der Mitte sitzend) u. Mitarbeiterinnen im Jahre 1981

 

Die Russische Bibliothek in Zürich (RBC) wurde am 17. August 1927 von einer kleinen Gruppe befreundeter Russlandschweizer und russischer Emigranten gegründet. Sie wurde als gemeinnütziger Verein konstituiert mit dem Ziel, den Kennern und Liebhabern der russischen Sprache und Literatur die Werke russischer Autoren im Original gegen eine bescheidene Gebühr zur Verfügung zu stellen.

Zu den Gründerinnen und späteren Vorstandsmitgliedern gehörten Raisa Zajceva, Dr. Zinaida Zuber (eine Archivarin des Staatsarchives des Kanton Zürich), Vera Meyer, Marie Bellorini-Schaufelberger und Dr. Ella Studer, eine bekannte Persönlichkeit in der Schweizer Bibliothekslandschaft. Geboren 1902 in Sankt-Petersburg, studierte sie an der Universität Bern und bildete sich an der Schweizerischen Landesbibliothek zur Bibliothekarin aus. Sie promovierte dann über Russisches in der Thidrekssage. 1932, als es in den Bibliotheken noch fast keine Frauen in leitender Position gab, wurde sie Chefbibliothekarin der Pestalozzi-Bibliothek in Zürich. Die Weite ihres Horizonts qualifizierte sie, weitere Aufgaben und Herausforderungen zu übernehmen. Sie war UNESCO-Delegierte, ständige Vertreterin der Schweiz bei der IFLA und Mitglied zahlreicher Gremien, die die damalige Bibliotheksentwicklung in der Schweiz prägten. Neben diesen beruflichen Tätigkeiten betreute sie unermüdlich die Russische Bibliothek.

Die politisch nicht gebundene, keinerlei Subventionen beziehende Bibliothek hatte in den Jahren 1927-1983 den ansehnlichen Bestand von über 6000 Bänden erreicht. Er war, dem Charakter der Bibliothek entsprechend, für die allgemeine Leserschaft gedacht: Neben einer reichhaltigen Auswahl an Belletristik für verschiedene Ansprüche, neben den Klassikern, umfasste er Biographien, Geschichte, Literatur- und Kulturgeschichte, Landeskunde, aber auch Zeitschriften, alte Postkarten, historische Photographien sowie Kinderbücher. Die bekannteren Autoren aus dem 19. und 20. Jahrhundert, von denen ein Teil nur ausserhalb der UdSSR publiziert werden durfte, waren vertreten.

1927-1983, also während der 56 Jahren, haben die ehrenamtlichen Betreuerinnen der Bibliothek nicht nur die persönlich erscheinenden Leser bedient und beraten, sondern auch Bücherpakete an die auswärts wohnenden Leser in der ganzen Schweiz verschickt. Besonders dankbare Benutzer der Bibliothek waren die politischen Flüchtlinge, die in verschiedenen Heimen Aufnahme gefunden hatten und ihren Lebensabend dort verbrachten. Die Büchersendungen waren ihnen willkommene Begleiter auf der „Suche nach der verlorenen Zeit“. Ein vervielfältigter (käuflicher) Bandkatalog mit mehreren Nachträgen erschloss den Buchbestand und ermöglichte den auswärtigen Lesern die Buchwahl.

Die "keinerlei Subventionen beziehende Bibliothek" finanzierte sich privat, meistens über Spenden, Bücherschenkungen und Nachlässe. Da die Mittel beschränkt waren, war es keine leichte Aufgabe, die Auswahl für Neuanschaffungen zu treffen; Ansichtssendungen aus dem Ausland waren nicht möglich. Dennoch versuchten die Bibliothekarinnen die verschiedenen Wünsche zu berücksichtigen. Bücherschenkungen, meist aus den Nachlässen, entlasteten das Budget gelegentlich; so konnten unansehnlich gewordene Exemplare ersetzt und auch Lücken geschlossen werden.

Die Russische Bibliothek erfüllte auch die soziale Rolle eines multikulturellen Treffpunktes für Schweizer, Russen (nicht nur aus der Emigration) und Angehörige anderer slavischer Völker. Es kam sehr oft zu lebhaften Gesprächen, die nicht immer beim Thema „Buch“ blieben. Bei manchen Benutzer merkte man bald, dass ihnen die Möglichkeit, sich eine Weile in ihrer Muttersprache zu unterhalten, genauso wichtig war, wie ein Buch nach Hause auszuleihen.

Zu den wichtigsten Gästen gehörte Solženicyn, der wärend seines Zürcher Exils (1975) den Weg zur Russischen Bibliothek fand und ihr zwei „Gulag“-Bände schenkte. Seine Widmung „Der Russischen Bibliothek Zürich (wie angenehm, dass sie hier besteht) - möge die russische Sprache in dieser Stadt nie versiegen“ war den Bibliotheksmitarbeitern lange Jahre Ansporn, ihrem Leserkreis den Zugang zur Literatur in russischer Sprache zu ermöglichen.

Mit dem Schwinden der älteren Leserschaft durch Tod und wegen Unkenntnis der Sprache bei der jüngeren Generation, nahm das Interessean der Bibliothek allmählich ab und verschlechterte sich deren Finanzlage. Nicht zuletzt aber auch das hohe Alter der „Bibliothekarinnen“ (einige waren seit der Gründung noch aktiv dabei) liess es zu Beginn der 80er Jahre angebracht erscheinen, eine Lösung für das Weiterbestehen der Bibliothek in irgendeiner anderen Form zu suchen.

Zum Slavischen Seminar der Universität Zürich bestanden schon seit dessen Gründung 1961 engere Beziehungen. Während der Jahre des Aufbaus der Seminarbibliothek fanden Studierende und Dozenten der Slavistik in der Russischen Bibliothek immer wieder einmal Werke, die im Seminar fehlten und solche, die schon längst vergriffen und auch auf dem Antiquariatsmarkt nicht mehr zu finden waren.

So bot sich ganz natürlich die Bibliothek des Slavischen Seminars als Lösung für den Fortbestand der Russischen Bibliothek an. Vorbesprechungen ergaben, dass auch das Slavische Seminar an einer Übernahme des RBC-Bestands interessiert war und bereit wäre, diesen einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, was ein grosses Anliegen des Vereins war. So beschloss der Vorstand des Vereins Russische Bibliothek Zürich, den Gesamtbestand der Bibliothek (Mobiliar ausgenommen) der Universität geschenkweise anzubieten. Der Zürcher Regierungsrat nahm das Geschenk (im Schätzungswert von rund 45 000 Franken) mit Beschluss vom 13. April 1983 mit Dank entgegen.

August 1983 wurde der RBC-Bestand in das Slavische Seminar Zürich überführt, wo er seither als Freihandbestand der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Die damalige Überprüfung ergab, dass der Bestand 2600 Bände russischer Schöner Literatur, 1280 Titel Sachbücher (Geschichte, Philosophie, Kunst, Pädagogik, Literaturwissenschaft, Politik und Sozialwissenschaft) sowie Naturwissenschaft (140 Bände), Kinderbücher (ca. 270 Titel) und Zeitschriftenjahrgänge (60 Titel) umfasste.

Der RBC-Bestand (über 6000 Bände) machte ca. 180 Laufmeter aus. Etwa 3/4 der Titel besass das Slavische Seminar zuvor nicht. Dubletten ergaben sich in erster Linie bei Schriftsteller-Werkausgaben; andererseits waren auch viele der zweitrangigen Autoren der Unterhaltungsliteratur aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bzw. aus der Zwischenkriegszeit in der Seminarbibliothek nicht vorhanden.

Gleich nach der Übernahme wurde - dank eines zusätzlichen Kredits - mit der Neukatalogisierung des RBC-Bestandes begonnen. Sie umfasste einen alphabetischen und einen Standort-Zettelkatalog gemäss der Transliteration DIN 1460 und den damaligen Regeln der Vereinigung Schweizerischer Bibliothekare. Nach der Einführung des elektronischen Bibliothekssystems ETHICS+ (1994), das zugleich den Beginn der Züricher Informationsverbunds markierte, nahm man in den online-Katalog jene RBC-Titel auf, die für die Ausleihe relevant schienen.

In den letzten Jahren stieg das Archivwert der RBC-Sammlung zusehends, dass eine weitere Freihandaufstellung nicht mehr angezeigt war. Titel des elektronisch erfassten Teils des Bestands - seit 1999 im Verbundsystem NEBIS (Netzwerk von Bibliotheken und Informationsstellen in der Schweiz) bzw. IDS (Informationsbund Deutsche Schweiz) nachgewiesen (Bibliothekssystem Aleph) - werden jetzt öfters über die Fernleihe angefordert, und es wächst das wissenschaftliche und Liebhaber-Interesse an alten Zeitschriftenbänden. Anderseits ist die Attraktivität der Sammlung für die Mehrheit der jüngeren in der Schweiz lebenden Russen gering, deren Hauptinteresse der zeitgenössischn russischen Literatur gilt.

  

Auch für den wissenschaftlichen Alltag des Slavischen Seminars haben die Bestände eher eine zweitrangige Bedeutung. Der Studierende oder Wissenschaftler interessiert sich in erster Linie für die neuesten wissenschaftlichen Veröffentlichungen und den Stand der heutigen Forschung.

Wie in allen Bibliotheken der Welt stellt man sich irgendwann die Frage nach der ökonomischen Nutzung des vorhandenen Platzes. Die Bibliothek des Slavischen Seminars gehört mit ihren fast 100'000 Bänden zu den grössten Institutsbibliotheken der Schweiz und ist in bezug auf die Slavistik der wichtigste Forschungsplatz der Schweiz. Das letztere bringt die gewisse Verpflichtung mit sich, die Bestände um die neueste Literatur angemessen und konsequent zu ergänzen.

Diese Gründe spielten eine wesentliche Rolle bei den Überlegungen zur Zukunft der RBC-Sammlung. Man wollte die alte, kulturhistorisch wertvolle, traditionsreiche Sammlung an einem Ort aufstellen, der nicht nur ihrer würdig wäre, sondern ihr auch einen angemessenen Schutz bieten könnte.

Diese Bedingungen erfüllt die Zentralbibliothek Zürich (Kantons-, Stadt- und Universitätsbibliothek), mit der das Slavische Seminar seit seiner Entstehung rege Kontakte pflegt. Durch die mehr als 10 jährige gemeinsame Zugehörigkeit zum gleichen Verbund hat sich die Zusammenarbeit auch hinsichtlich des Bestandesaufbaus intensiviert.

Die Gespräche zwischen der Zentralbibliothek und dem Slavischen Seminar im Jubiläumsjahr 2002 (75 Jahre RBC) ergaben, dass die Zentralbibliothek Interesse an der Übernahme der RBC-Sammlung hat. Ende 2002 wurde beschlossen, dass die wertvolle Sammlung in die Obhut der Zentralbibliothek kommen sollte. Das Slavische Seminar verpflichtete sich seinerseits, der Zentralbibliothek eine geordnete, elektronisch formalkatalogisierte Sammlung zu übergeben.

Im Dezember letzten Jahres startete im Slavischen Seminar das "Projekt RBC". Wir wollen monatlich einen überprüften Teil der RBC-Sammlung an die Zentralbibliothek übergeben. Neben den laufenden Bibliotheksgeschäften werden die Bestände aus dem Magazin geholt und im Katalogisierungssystem Aleph überprüft bzw. erfasst.

Die bestehenden Katalogisate sowie ihre Lokalsätze werden dann an das Niveau und die Schablone der Zentralbibliothek angepasst. Die übrigen werden vollständig rekatalogisiert. Dies ist keine einfache Aufgabe, denn es handelt sich überwiegend um russisches Schriftum aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, darunter auch Rara. Auch die Katalogisierung von grauer Literatur und Exilausgaben mit oftmals unvollständigen oder sogar fehlenden Erscheinungsvermerken bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Wir nutzen alle Hilfsmöglichkeiten innerhalb des Verbundes, wie Fremddatenübernahme, und auch ausserhalb, z.B. KVK, LoC oder OPAC der Russischen Nationalbibliothek, daneben ziehen wir auch konventionelle Informationsmittel (gedruckte Kataloge, Bibliographien, Nachschlagewerke) für die Recherche heran. Wir sind imstande, innerhalb eines Monats ca. 200 vollständig katalogisierte Bände zu liefern. Das Projekt RBC wird somit etwa 3 Jahre in Anspruch nehmen. Die Zentralbibliothek ihrerseits erschliesst die Titel inhaltlich und stellt sie für die Ausleihe bzw. die Benutzung an Ort bereit (die unter der Signatur "RBC" vereinigten Titel können unter www.zb.uzh.ch, unter Indexsuche angesehen werden.

Das Slavische Seminar freut sich, dass die Russische Bibliothek nach ihren traditionsreichen 75 Jahren einen würdigen Platz fand, wo sie von den vielfältigen multikulturellen Wechselbeziehungen zwischen Russland und der Schweiz wird zeugen können.

Literatur:

Beschlüsse des Regierungsrates. In: Neue Zürcher Zeitung vom 13.4.1983

Pestalozzi-Bibliothek : Festschrift zum Jubiläum der Pestalozzi-Bibliothek Zürich. Zürich: Pestalozzi-Bibliothek, 1995.

Die Russische Bibliothek in Zürich. In: Nachrichten. Vereinigung Schweizerischer Bibliothekare. No 5 (1983)

Steiger, Emma: Geschichte der Frauenarbeit in Zürich. Zürich: Statistisches Amt der Stadt Zürich, 1962.

Studer, Ella: 50 Jahre Russische Bibliothek in Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung vom 12.8.1977

sowie

Protokolle der Sitzungen des Vereins Russische Bibliothek Zürich aus dem Archiv des Slavischen Seminars der Universität Zürich

und

Dokumenten- und Korrespondenzsammlung von Prof. Dr. Peter Brang, dem Gründer des Slavischen Seminars Zürich