Literatur und Kunst vor Gericht: Fokus Osteuropa

SNF-Forschungsprojekt 2014-2017

Das Projekt "Literatur und Kunst vor Gericht: Fokus Osteuropa" baut auf dem Projekt "Literatur und Kunst vor Gericht" auf und will dieses um zwei neue Forschungsgebiete erweitern: erstens um eine komparatistische Perspektive und zweitens um die stärkere Fokussierung auf jene Formen von Gerichten, die in sozialistischen Ländern neben der Judikative existierten und die die Mehrheit der Fälle von Nachzensur ausgemacht haben. Wir bezeichnen diese Gerichte als "alternative Gerichtsbarkeiten" und meinen damit einerseits Laiengerichte und die sogenannten Kollegengerichte und, andererseits, schriftliche und mündliche Selbstkritiken und Denunziationen sowie die damit verbundenen Anklage-, Geständnis- und Diskussionsrituale im Bereich der Kunst und Literatur. Diese neue Forschungsperspektive soll es uns ermöglichen, juridische und quasijuridische Aushandlungsprozesse und Debatten über Literatur und Kunst vergleichend analysieren zu können. Dabei sollen Strategien und Verfahren zur Etablierung sozialistischer Literatur- und Kunstbegriffe auf der einen Seite und Taktiken und Argumente zur Verteidigung künstlerischer Autonomie auf der anderen Seite in transnationaler Perspektive systematisch erforscht werden.
Das Forschungsprojekt setzt sich aus drei Subprojekten zusammen, die jeweils ein areales Forschungsfeld in den Blick nehmen, dieses aber immer vor dem Hintergrund der Forschungsergebnisse der anderen Arbeiten beleuchten. Subprojekt 1 beschäftigt sich mit alternativen Gerichtsbarkeiten in der Sowjetunion zwischen 1920 und 1990 im Bereich der bildenden Kunst. Subprojekt 2 konzentriert sich auf die Wechselwirkung zwischen Gerichtsprozessen und alternativen Gerichtsbarkeiten gegen Kunst, Literatur und Film in der Republik Jugoslawien in den 60er und 80er Jahren, Subprojekt 3 beschäftigt sich mit alternativen Gerichtsbarkeiten und Gerichtsprozessen in den baltischen Sowjetrepubliken, vor allem in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Projektleitung: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Mitarbeiter: Dr. Sandra Frimmel, Dr. des. Matthias Meindl, Mara Traumane M.A.

Beiträge von Mitarbeitenden

Vorträge

Dr. Sandra Frimmel:

  • "(Rück-)Eroberungen des öffentlichen Raums. Künstlerische Aktionen an politisch aufgeladenen Orten", Forum Russland vs. Russland, Künsterhaus Bethanien, Berlin 10.-12.04.2015.

Publikationen

Dr. Sandra Frimmel:

  • „’Kunstwerke können wir zerstören, aber es bleibt der Mann, seine Liebe, sein Hass und seine Überzeugungen.’ Vom Richten über Kunst und Künstler im sowjetischen Kunstbetrieb“, in Adam Czirak u. Barbara Gronau (Hg.): Gewaltsames Wissen. Szenographien der Desubjektivierung. Paderborn: Wilhelm Fink (in Vorbereitung).
  • Der brennende Fehdehandschuh. Überlegungen zu Pjotr Pawlenskis Aktion ‘Bedrohung’“, in taz 27.11.2015.
  • mit Mara Traumane: Kunst vor Gericht. Ästhetische Debatten im Gerichtssaal, Berlin: Matthes & Seitz 2017 (im Druck).