(Reise-)Lyrik

Sergej Tret’jakovs Gedichtband Jasnyš. Stichi. 1919-1921. (Čita 1922)

Sergej Michajlovič Tret'jakov (1892-1937) ist zwar für seine theoretischen Schriften, seine Theaterstücke und seine faktografische Prosa bekannt, nicht jedoch für seine Gedichte, die er in den 1910er und 1920er Jahren verfasst hat. Sie erscheinen von 1913 bis Ende der 1920er Jahre, so dass seine Lyrik mehr als die Hälfte seines Schaffens begleitet – sie flankiert seine Theaterstücke und Reisereportagen. Diese Texte sind auch für die Ausbildung von Tret'jakovs Raumkonzeption grundlegend.
Das lange Festhalten an dieser Gattung deutet seine Lust am Bedienen verfügbarer (und noch auszudenkender) Formate an, darunter lyrischer Subformen, die von Revolutions- und Kriegsgedichten über Reise- und Dinggedichte bis zu erzieherischen Poemen reichen. Die Form des Gedichts ermöglicht eine Fokussierung auf die Arbeit am Wort, und zwar radikaler als in Prosa. Auf dieser Plattform bildet sich eine Verfremdungspoetik heraus, die sowohl der futuristischen als auch der faktografischen Innovationsdoktrin entsprochen hat. Innerhalb dieser Gattung lässt Tret'jakov jene Facetten seines poetologischen Programms überborden, die in diesem Maße in Theaterstücken und in der Prosa weniger adäquat gewesen wären: Neologismen und Dialektismen, synästhetische, onomatopoetische und schriftbildlich-visuelle Figurationen, grammatikalische Brüche, lexikalisch und morphologisch 'zertrümmerte' Wörter und eine Metaphorik, die die Texte der Referenzhaftigkeit enthebt, selbst wenn es sich um Reise-, Stadt- und Landschaftsgedichte handelt.
Insgesamt umfasst Tret'jakovs lyrisches Werk neben Gedichten, die in Almanachen, Zeitungen und Zeitschriften verstreut sind, sechs Einzelpublikationen. Der 64seitige Band Jasnyš (1922) ist eine Rarität. Sein Abdruck wird hier – unter weitgehender Beibehaltung des ursprünglichen Druckbilds – einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt. Nicht zuletzt ist die massenwirksame, öffentliche Wahrnehmung dieser Poesie fester Bestandteil ihres eigenen Programms gewesen.
Das Gedicht erfülle seinen angleichenden, menschenwürdigen Zweck, sobald es geschrieben oder gelesen wurde; es diene als Übung für Verfahren eines konstruktiven oder wohl eher konstruierenden Zugangs zum Wort: "Восприятие стиха – повторное преодоление материала, усвоение приёмов конструктивного подхода поэта к слову" (S. 5), schreibt Tret'jakov im Vorwort. Das Gedicht soll keine Ikone sein, das man anbetet, und es soll nicht lange existieren. Der Autor gibt den Besitzanspruch an der Originalität seiner Lyrik auf, sobald er sie ausgeführt hat.
Um den Dichter besteht ohnehin kein Geniekult mehr, er sei nun ein Wortarbeiter und Wortkonstrukteur, ein Meister der Sprachschmiede in der Fabrik des Lebens: "Поэт – только словоработник и словоконструктор, мастер речековки на заводе живой жизни" (ebd.). Revolutionspathos und Verfremdungslust prägen offenbar Tret'jakovs Poetik von Anfang an.