Sprachbeschreibung als Filter und Prisma: Die "Individualität" des Slovenischen

SNF-Projekt, Laufzeit: 2016-2019

 

Projektleitung: Prof. Dr. Barbara Sonnenhauser

Mitarbeiter: MA Martin Junge, BA Ines Dragojević

Brozović (1988) beschreibt das gegenwärtige Slovenische als "eine der originellsten und individuellsten" slavischen Sprachen, als ein "hochgradig individuelles sprachliches Phänomen". Dies führt er auf einen Komplex an Faktoren zurück, nämlich "its material base, the way it evolved, its special paths of development and […] the specific circumstances in which it was elaborated" (1988: 185). Damit ist zugleich das Forschungsprogramm für das vorliegende Projekt skizziert, das am Beispiel des Slovenischen die Interaktion von interner Entwicklung, externen Impulsen sowie metasprachlichen Faktoren nachzeichnen will, die zur funktionalen Entwicklung sprachlicher Strukturen beiträgt. Besondere Aufmerksam¬keit gilt der Ausformung der Standardvarietät und ihrer metasprachlichen Einordnung innerhalb des Slavischen und im weiteren ausserslavischen Kontext. Die diachrone Entwicklung wird anhand synchroner Schnitte nachgezeichnet, die sich v.a. auf das 16. Jh. als Zeit des Beginns der Literatursprachlichkeit, auf die zweite Hälfte des 18. Jh. als Zeit des Entstehens regionaler literatursprachlicher Varianten, das 19. Jh. als Beginn der Standardisierung sowie das gegenwärtige Slovenische als etablierte Standardsprache konzentrieren.

Wie jede Standardsprache ist auch die slovenische zu einem grossen Teil Ergebnis einer intentionalen Auswahl aus einer Menge an Varianten. Auch auf der Beschreibungsebene werden in der Regel nicht alle Strukturen berücksichtigt; insbesondere trifft dies auf den lexikalisch-semantischen Bereich zu. Die standardsprachliche Restriktion struktureller Varianz und der spezifische Beschreibungsfokus können so den Eindruck der Besonderheit des Slovenischen verstärken, während der Blick auf alternative Entwicklungen und (noch) nicht erfasste Distinktionen diesen relativieren könnte. Entsprechend werden im vorgelegten Projekt nicht nur die Entwicklung im Standardslovenischen und seinen Vorläufern berücksichtigt, sondern auch die Verhältnisse an der Peripherie des slovenischen Sprachgebiets sowie im angrenzenden Süd- und Westslavischen. Zu untersuchen ist zudem der Einfluss der umgebenden nicht-slavischen Kontaktsprachen, insbesondere des Deutschen. Auf der metasprachlichen Ebene sind die Rolle der mitteleuropäischen zeitgenössischen Grammatikschreibung sowie der Einfluss des sprachlichen Hintergrunds der verschiedenen Grammatikschreiber und Normierer zu prüfen.
Die Frage der Individualität des Slovenischen und seiner innerslavischen sowie arealen Integration wird anhand von morphosyntaktischen und lexikogrammatischen Strukturen untersucht, die die spezifische Position des Slovenischen innerhalb des (Süd-)Slavischen, seine Stellung zwischen West- und Südslavisch sowie seine ausserslavische Kontaktsituation in besonderem Mass kennzeichnen: Relativsatzbildung mit ki oder kateri, Verwendung von Supin oder Infinitiv, Versprachlichung des Konzepts WISSEN durch vedeti oder znati, sowie Verwendung von znati, lahko oder (ne) moči im Bereich der Possibilitätsmodalität.
Durch die Analyse von objekt- und metasprachlichen Faktoren sowie deren Interaktion wird der Einfluss von Datenanalyse, Deskription und Präskription auf die interne Sprachentwicklung und die linguistische Einordnung des Slovenischen nachgezeichnet. Neben einer konzisen funktionalen Analyse der relevanten Strukturen in diachroner und synchroner Hinsicht sowie der Einbettung des Slovenischen in die zentraleuropäische Grammatiktradition will das Projekt Aufschluss darüber geben, inwieweit seine so oft betonte Besonderheit sprachlich begründet und bis zu welchem Grad sie als Artefakt der Sprachbeschreibung zu sehen ist.