Tat'jana Rozental' (1884 - 1921) - Eine Pionierin der russischen Psychoanalyse

Dissertationsprojekt von lic. phil. Sabina Meier

Die Geschichte der Psychoanalyse in Russland ist eng mit den Diskontinuitäten der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verwickelt und von ihnen abhängig. Nirgends außer in den Geburtsstätten Wien und Zürich wurde die Psychoanalyse so früh und umfassend rezipiert wie in Russland.
Doch - vergleichbar mit dem Schicksal anderer Wissenschaften in der Sowjetunion - wurde der kometenhafte Aufstieg der Psychoanalyse von 1910 durch den Ersten Weltkrieg und die Revolution von 1917 unterbrochen und kam schließlich unter Stalin in den späten 20er Jahren abrupt zum Ende. Mittlerweile sind im Zuge der Öffnung der russischen Archive in den 90er Jahren die verheißungsvollen Anfänge der Psychoanalyse erforscht worden. Werk und Schicksal der Hauptprotagonisten der Wissenschaft wie Sabina Spielrein, Mosche Wulff u.a. sind aufgearbeitet worden. Jedoch gibt es im Windschatten dieser Schlüsselfiguren immer noch einige Pioniere der russischen Psychoanalyse, deren Leben und Werk weitgehend unbekannt sind.
Eine davon ist Tat'jana Rozental', die die Psychoanalyse nach Sankt Petersburg gebracht hat. Obwohl Rozental' in vielen geschichtlichen Arbeiten zur Psychoanalyse in Russland erwähnt wird, ist ihr Leben spärlich dokumentiert. Aus dem Nachruf ihrer Freundin Sara Neiditsch erfahren wir von ihrer Begegnung mit der Psychoanalyse während ihres Medizinstudiums in Zürich und von ihrem politischen Engagement in der Revolution von 1905 als Vorsitzende der Studentinnenverbände aller Frauenkurse in Petersburg und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Enttäuscht und müde von der Revolution, sei Rozental' 1906 nach Zürich zurückgekehrt und erwog den Studienwechsel zur Jurisprudenz, da sie meinte, sich in diesem Beruf besser sozial einsetzen zu können. Zufällig las sie Freuds Traumdeutung und ließ sich davon begeistern. "Welch eine Harmonie würde sich aus dem Zusammenwirken von Freud und Marx ergeben!", soll sie ausgerufen haben und sich aufgrund der Freudlektüre für das Medizin- und Psychiatriestudium entschieden haben.
Nach ihrer Promotion hielt Rozental' 1911 in der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung einen Vortrag über Karin Michaelis Roman "Das gefährliche Alter" und war damit die erste Frau, die in Karl Abrahams Zirkel auftrat. Im selben Jahr im Oktober wurde sie Mitglieder der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bei Freud und nahm an einigen Sitzungen teil. Ab 1912 war Rozental' mit einer Petersburger Adresse als nervnij duševnij vrač im Telefonbuch Ves' Peterburg verzeichnet. 1919, unmittelbar nach der Oktoberrevolution, wurde Rozental´ Assistentin für Psychotherapie am neugegründeten Forschungsinstitut für Gehirnpathologie (Institut po izučeniju mozga i psichičeskoi dejatel'nosti) unter der Leitung des Neurologen Vladimir Bechterev. Am Institut hielt sie Vorlesungen über Psychoanalyse und leistete durch die Ausbildung von Kollegen einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung der Psychoanalyse in der Sowjetunion. 1920 wurde sie Leiterin einer angegliederten Fürsorgeanstalt für zurückgebliebene Kinder, die auf psychoanalytischer Basis behandelt wurden. Nach nur zehn Jahren psychoanalytischer Tätigkeit in Petersburg beging Rozental' 1921 aus ungeklärten Gründen Selbstmord.
Das Forschungsprojekt widmet sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Biographie und Werk der russisch-jüdischen Psychoanalytikerin Tat'jana Rozental'. Obwohl sich kein persönlicher Nachlass finden lässt, konnten durch Archivrecherchen in Moskau, Petersburg und Zürich einige biographische Bruchstücke zusammengetragen werden. Mehrere Dokumente zeigen, wie sich Rozental' als Ärztin an verschiedenen Instituten und Spitälern in Petersburg etablierte und ihren Lebensunterhalt verdiente, u.a. am Institut duševnych bol´eznej, am Fizioterapevtičeskij Institut und am Tavričeskij lazaret. Der Arbeitsbericht des Instituts Mosgas von 1919 gibt Hinweise auf ihre Arbeitsweise und Forschungstätigkeit an diesem prestigeträchtigen sowjetischen Forschungsinstitut. Familienstand und verschiedene Wohnadressen in Petersburg geben Aufschluss über ihr Privatleben.
Vor allem geht es darum, Rozental's Biographie in den größeren kulturgeschichtlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext zu stellen, etwa in Bezug zur jüdischen Emanzipationsbewegung im Russischen Reich, zur Geschichte der Frauenbildung, und zur revolutionären Bewegung in Russland. Rozental's politisches Engagement lässt sich zwar schwer mit historischen Quellen belegen, vieles weißt aber darauf hin, dass sie dem jüdischen Bund nahe stand. Nicht zuletzt ist Rozental's wissenschaftliche Tätigkeit im Kontext der sowjetischen Wissenschaftsgeschichte und der aufstrebenden Psychoanalyse zu sehen.
Ein weiterer Schwerpunkt ergibt sich aus den beiden publizierten psychoanalytischen Aufsätzen Rozental's, die sich beide mit Literatur befassen. Mit ihrem Aufsatz "Karin Michaelis Das gefährliche Alter im Lichte der Psychoanalyse" (1911) ist sie die erste Autorin, die eine psychoanalytische Arbeit über ein literarisches Werk schreibt. Ihre Analyse eines zeitgenössischen populären Frauenromans ist auch unter Genderperspektive zu betrachten. Dem Aufsatz "Stradanie i tvorčestvo Dostojevskogo" (1919), den sie in der Zeitschrift des Instituts Mosgas publizierte, kommt eine ungeahnte Vorreiterrolle zu, hatte Rozental´ nämlich somit lange vor Freuds Aufsatz "Dostojevski und die Vatertötung" (1928) die erste ausführliche Studie über Dostojevskij aus psychoanalytischer Sich geschrieben. Stärker als der zeitliche Vorsprung wiegen aber eine Reihe von inhaltlichen Übereinstimmungen; so kommen Freud wie Rozental' etwa zur selben klinischen Diagnose von Dostojevskij. Möglicherweise hat also Rozental's Essay Freuds Dostojevskij-Bild mitgeprägt. Beide Aufsätze Rozental's zeigen ihr großes Interesse an der Verbindung von Psychoanalyse und Literatur, sie selbst soll 1917 einen Band mit Gedichten publiziert haben, der aber bislang nicht auffindbar ist.
Rozental's Leben ist geprägt durch tiefgreifende persönliche und soziale Krisen, aber auch den Willen zur Veränderung und zum Aufbruch. In mancher Hinsicht ist ihr Lebenslauf symptomatisch für eine ganze Generation von jungen, bildungsdurstigen jüdischen Frauen, die nach dem Studium im Ausland zurück in ihre Heimat kamen, um sich aktiv am Aufbau der neuen sowjetischen Gesellschaft zu beteiligen, deren Talent und Engagement jedoch von der zunehmenden stalinistischen Machtkonsolidierung verschüttet wurde.